Leseprobe! :D

Hier der erste Teil des ersten Kapitels, also nicht wirklich spoilerig, weil du beim Lesen ja eh vorne anfangen musst. 😉 Da es aber doch ein wenig mehr Text ist, setze ich das ganze dennoch brav hinter einen Cut!

1. Kapitel

Leseprobe Lob der Nacht: DrachenfluchEs war einmal vor langer Zeit in einer dunklen, stĂŒrmischen Nacht … so beginnen MĂ€rchen. Eigentlich. Meines nicht. Meines beginnt in der Gegenwart, also vor ĂŒberhaupt nicht langer Zeit. Und eine Prinzessin, wie viele von den MĂ€rchengestalten, bin ich ebenfalls nicht, sondern Azubi in einer Buchhandlung im zweiten Lehrjahr. Mein Name ist Jessica. Jessica Schwarz, ganz ohne Adelstitel.
Mein hochherrschaftliches Schloss war ein Zimmer in einer WG mit zwei liebenswert-verrĂŒckten Mitbewohnern. Mit blonden Wallelocken bis zum Po konnte ich auch nicht aufwarten, unter Aufwendung extrem ĂŒberbordender Fantasie entdeckte man in meinen haselnussbraunen Haaren immerhin goldene StrĂ€hnen, doch weiter als bis zur RĂŒckenmitte hatte ich es bisher nicht geschafft, sie zu zĂŒchten. Vielleicht kann ich meine Augen geltend machen? Zwar nicht gerade blau, jedoch zumindest braungrĂŒn, mit viel gutem Willen mit einem Stich ins BlĂ€uliche. Im richtigen Licht jedenfalls. Wenn man im perfekten Winkel schaut und die Augen halb zukneift. Und ĂŒber eine ausgeprĂ€gte Vorstellungskraft verfĂŒgt.
Gleichwohl begann mein MĂ€rchen in einer Nacht, nur stĂŒrmisch war sie nicht. Dunkel schon, das haben NĂ€chte nun einmal so an sich. Die Luft war klar und bereits erstaunlich kalt, wenn man bedachte, dass wir erst September hatten. Mein Atem bildete kleine Wölkchen vor meinem Gesicht.
Ich schlug den Mantelkragen hoch und zog den Kopf ein wenig tiefer zwischen die Schultern. September sollte von Altweibersommer geprĂ€gt sein, zumindest halbwegs warm, und mindestens ein paar Tagen war vorherbestimmt, dass man Kleider und kurze Tops tragen konnte. Der Monat war so gut wie vorĂŒber, und statt vor WĂ€rme hatte der Wetterbericht vor Frost in höher gelegenen Regionen gewarnt. Immerhin das blieb mir wohl erspart. Als â€șhöher gelegenâ€č konnte man das Flachland hier nun wirklich nicht bezeichnen.
Ich beschleunigte meinen Schritt, um die KĂ€lte zu vertreiben, die durch alle Ritzen der Jacke kroch. Um mich raschelte der nĂ€chtliche Wald mit seinen typischen GerĂ€uschen. Irgendwo schrie ein KĂ€uzchen. Ein Falter flatterte an mir vorbei und strebte vermutlich dem BlĂ€tterdach entgegen, durch das ich da und dort vereinzelt Sterne funkeln sah. Der fast volle Mond spendete ausreichend Licht, sodass ich nicht dazu verdammt war, ĂŒber meine FĂŒĂŸe zu stolpern, solange ich auf dem Weg blieb.
Ich kam von der Tankstelle, wo ich nebenbei jobbte, um mir meine Ausbildung ĂŒberhaupt leisten zu können, und der Bus war mir direkt vor der Nase weggefahren. Mal wieder. Statt vierzig Minuten frierend auf den nĂ€chsten zu warten, hatte ich wie meistens beschlossen, den Weg bis zum Bahnhof zu laufen. Es war nur eine knappe halbe Stunde, wenn ich die AbkĂŒrzung durch den Wald nahm.
Angst hatte ich keine. Wovor auch? Statistisch gesehen sind Gewaltverbrechen in WĂ€ldern selten. Wilde Tiere gab es hier schon lange nicht mehr. Das Wildeste, was einem begegnen konnte, waren flĂŒchtende FĂŒchse, mit ganz viel GlĂŒck vielleicht eine Fledermaus. Oder eben das KĂ€uzchen, das wieder seinen klagenden Schrei ausstieß. Und ich liebte den Wald. Eher hĂ€tte ich mich gefĂŒrchtet, nach Einbruch der Nacht durch gewisse Stadtviertel zu laufen. Aber der Wald war freundlich.
Dachte ich.
War er auch.
Nur war ich nicht die Einzige hier.
In der Dunkelheit links von mir brach mit lautem Knacken ein Ast und ließ mich zusammenfahren, trockene BlĂ€tter raschelten, als wĂŒrde etwas deutlich GrĂ¶ĂŸeres als ein Igel hindurch streifen. Mein Herz machte einen Satz, ich blieb stehen und versuchte angestrengt, ein Tier zu entdecken. Doch neben dem hellen Band des Weges breitete sich nur absolute SchwĂ€rze aus. Jetzt, wo ich still stand, blieb es ruhig. Mein Herz stolperte weiterhin zu hektisch, aber außer dem leisen Rauschen der BlĂ€tter im Wind und einem in der Ferne vorbeifahrenden Auto konnte ich nichts hören.
Nach einem Moment beschloss ich, dass ich mich geirrt haben musste, und nahm meinen Weg wieder auf, ein wenig schneller als zuvor. Weit war es nicht bis zum Waldrand, und dort spendete der Mond ausreichend Licht, obwohl noch zehn Minuten Feldweg Einsamkeit vor mir lagen.
Erneut raschelte es, nun ganz deutlich. Mit klopfendem Herz fuhr ich herum und starrte in den Wald. Nichts. Meine HĂ€nde fĂŒhlten sich schweißfeucht an, ich ĂŒberlegte, ob ich nicht doch etwas ĂŒbersehen hatte. Hungrige Wölfe, wilde Wildschweine, vielleicht gar eingewanderte BĂ€ren, aber ich konnte mich nicht entsinnen, dass irgendetwas in der Art in der Zeitung gestanden hĂ€tte, und bei all den verstreuten Waldgebieten hier wĂ€re das garantiert eine Meldung wert gewesen. Inklusive Aushang der Schlagzeilen an dem Kiosk am Bahnhof.
TriebtĂ€ter kamen mir in den Sinn, entlaufene Serienmörder. VerrĂŒckte Kriminelle, die eine Geisel brauchten, um sicher ĂŒber eine Grenze zu kommen, welche auch immer. Tief durchatmen, befahl ich mir. Da war niemand. Wenn da jemand wĂ€re, wĂŒrde der doch nicht nur laufen, wĂ€hrend ich lief. Entweder wĂŒrde er sich versteckt halten und warten, bis ich vorbei war oder er wĂŒrde tun, was er tun wollte. Das war die perfekte Stelle, in beide Richtungen fast gleich weit zum Waldrand.
Es blieb ruhig. Ganz langsam normalisierte sich mein Puls. Der Wald war friedlich und harmlos, wie sich das fĂŒr einen kleinen Wald zwischen zwei Vororten gehörte. Dennoch brauchte ich noch einen Moment lĂ€nger, ehe ich wagte, meinen Weg wieder aufzunehmen.
Es blieb ruhig. UngefĂ€hr zehn Schritte lang. Dann setzte es erneut ein – Rascheln, als schöbe sich ein Körper durchs Unterholz, im nĂ€chsten Augenblick das Tappen von großen Pfoten. Mein Herz vergaß einen Schlag, meine Nackenhaare richteten sich auf, und ohne mich weiter von der Gefahrlosigkeit der hiesigen Tierwelt ĂŒberzeugen zu wollen, rannte ich los.
Was immer es war, es war schneller. Es ĂŒberholte mich mit Leichtigkeit, dann glitt ein geschmeidiger Schatten vor mir auf den Weg. Das Zerrbild eines riesigen, schwarzen Wolfs baute sich vor mir auf; die Schulterhöhe reichte mir gut bis zur Taille. Irgendetwas schien falsch, doch als das Mondlicht schmale, gelbe Augen zum Schimmern brachte und das Wesen tief und dunkel knurrte, war mir alles egal. Ich sah FangzĂ€hne aufblitzen, bevor ich mich mit einem Aufschrei herumwarf und in die Richtung stĂŒrzte, aus der ich gekommen war.
Kein Mensch der Welt, nicht einmal Weltrekordhalter im Sprint, ist dafĂŒr gemacht, vor wilden Tieren davonzulaufen. Erst recht nicht vor monströsen Wölfen, die mit einem Satz fĂŒnfmal so viel Distanz zurĂŒcklegen können wie ich mit zehn Schritten. Ich hörte ihn hinter mir, das schnelle Stakkato der schweren Pfoten, spĂŒrte seinen heißen Atem im Nacken, roch verwesendes Fleisch, dann warf mich der Aufprall um.
Jemand schrie, als ich fiel – meine eigene Stimme. Irgendwie gelang es mir, mich abzufangen, und aus irgendeinem Grund gruben sich keine ZĂ€hne in meinen Körper. Ich rollte herum, packte meine Tasche fest, die einzige Waffe, die ich hatte. Als ob das den Riesenhund beeindrucken wĂŒrde, wenn er eine Handtasche um die Ohren geworfen bekam.
Ich schaffte es, zurĂŒck auf die Beine zu kommen und versuchte panisch, mich zu orientieren. Der Wolf hockte nur wenige Schritte von mir entfernt auf dem Weg; er kauerte wie zum Sprung bereit, als warte er nur darauf, dass ich wieder floh. Fast wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielte.
Fast … Die HinterlĂ€ufe schienen zu lang, die VorderlĂ€ufe zu kurz. Trotz des Wolfsgesichts, trotz der Rute, trotz Pranken und schwarzem Fell war der Körper beinahe menschlich zu nennen. Wie erstarrt konnte ich mich nicht rĂŒhren, ebenso regungslos verharrte der Wolfsmann. Einen ewigen Moment starrten wir uns nur an, dann richtete er sich mit einem schnarrenden Laut auf, der ein Lachen hĂ€tte sein können.
FĂŒr einen Wolf war er zu groß, fĂŒr einen Mann aber erst recht. Er erreichte bestimmt an die zwei Meter, und fĂŒr diesen Körperbau wĂ€ren viele MĂ€nner zu töten bereit. Breite Schultern, ein muskulöser Brustkorb, schmale HĂŒften, muskulöse lange Beine. Der Anblick wurde nur gestört durch das dichte, schwarze Fell, die wolfsartigen ZĂŒge und ganz besonders die Krallen an den HĂ€nden. Waren das nicht eben noch Pfoten gewesen?
Mit zwei Schritten ĂŒberbrĂŒckte er die Entfernung zwischen uns, und ich wusste, ich musste rennen. Jetzt. Sonst war ich tot. Doch ich konnte mich nicht bewegen. Dann war er heran. Er roch nach Raubtier.
»Lauf, kleines MĂ€dchen«, schnarrte er heiser. Ich spĂŒrte, wie seine Klauen ĂŒber meinen Mantel strichen. Sein Atem stank nach fauligem Fleisch. »Ich gebe dir einen Vorsprung. Lauf, so schnell du kannst. Vielleicht schaffst du es, mir zu entkommen. Wenn du den Waldrand erreichst, bist du frei. Wenn nicht …«, mit einer Kralle streifte er meinen Hals, gefolgt von brennendem Schmerz. Ich wimmerte vor Angst. Offensichtlich hielt der Wolfsmann nicht viel von Statistiken.
Er lachte. »Lauf«, flĂŒsterte er.
Ich war genauso wenig RotkĂ€ppchen wie Prinzessin, aber den bösen Wolf gab es in diesem Moment, in diesem Wald sehr wohl, und Verleugnung wĂŒrde kaum helfen. Ich hatte keine Chance, ich wusste es. Wie sollte ich den Waldrand erreichen, wenn er mich jagte?
Ich wirbelte herum und rannte los. Hinter mir lachte er erneut, dunkel und rau. Dann hörte ich gar nichts mehr außer meinen schnellen Schritten auf dem Lehmweg und meinem fliegendem Atem. Vor mir wurde der Wald heller. Kein rasender Pfotenschlag, kein brechendes Unterholz. Ich versuchte, meinen Körper zu grĂ¶ĂŸerer Geschwindigkeit zu zwingen. Der Schmerz an meiner Kehle sprach ĂŒberzeugend davon, dass der Wolfsmann keine Einbildung war. Kam er hinter mir her? Gab er mir mehr Vorsprung? Wie lange durfte ich um mein Leben rennen?
Der Waldrand lag in greifbarer NĂ€he. Ich konnte die letzten BĂ€ume sehen, die Felder im Mondlicht. Gleich, gleich hatte ich es geschafft. Meine Lunge brannte mit jedem keuchenden Atemzug. WĂŒrde er sein Versprechen halten? WĂŒrde er mich ĂŒber die Felder hetzen? Oder hatte er mir nur Angst einjagen …
Ohne Vorwarnung tauchte der Wolfsmann vor mir auf. Ich prallte zurĂŒck, als wĂ€re ich gegen eine Wand gerannt.
Wieder lachte er heiser. »Kleines Reh, so hilflos. Leichte Beute. Unschuldig, jung, so schmecken sie am besten.« Geschmeidig kam er nÀher.
Ich taumelte nach hinten, meine Handtasche wie eine Waffe gepackt. Mein Atem flog, ich hatte Seitenstechen und Panik wie nie zuvor in meinem Leben. Ich wollte nicht sterben! Aber wenn, wĂŒrde ich nicht kampflos untergehen. Von wegen unschuldig und hilflos!
BlĂ€tter rauschten, Äste knackten. Ich riss den Kopf empor. Im nĂ€chsten Moment brach etwas durch die Baumkronen. Mit einer ErschĂŒtterung und einem lauten Krachen wie von Stein auf Stein landete vor mir eine Gestalt. Ich hatte keine Luft mehr, um zu schreien, als ich umgeworfen wurde und zu Boden fiel. Schmerz zuckte durch mich hindurch, als ich mit dem Hinterkopf aufprallte.
Halb betĂ€ubt sah ich, wie die Gestalt sich aufrichtete. Ledrige Schwingen falteten sich zusammen und legten sich an einen breiten RĂŒcken. Das Mondlicht erhellte die Fratze eines DĂ€mons – die Lefzen zurĂŒckgezogen fauchte er mit gebleckten ZĂ€hnen. ReißzĂ€hnen. Er war ein StĂŒck kleiner als der Wolfsmann, was ihn immer noch sehr viel grĂ¶ĂŸer als mich machte, und doppelt so breit. Gewaltige Hörner schwangen sich ĂŒber seinen von einer MĂ€hne bedeckten Kopf, seine HĂ€nde waren Pranken mit Klauen, und seine mĂ€chtigen Pfoten schienen besser an einem Löwen als an einem Menschen aufgehoben zu sein.
â€șEbenfalls ein Fabelwesenâ€č, meldete mein benommenes Gehirn. â€șAber er trĂ€gt immerhin eine Hose.â€č Im Gegensatz zu dem Wolfsmann hatte er auch kein Fell, das gewisse Körperteile hĂ€tte verbergen können.
Der Wolfsmann knurrte dunkel, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. »Du unterbrichst meine Jagd.«
»Nicht nur das.« Die Stimme des DÀmons klang wie Stein, der zermahlen wurde. »Die Kleine ist meine Beute.«

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